Migräne oder der Krieg im Kopf

Eigentlich wollte ich ja noch einmal was zur Synästhesie schreiben, aber irgendwie erscheint mir das hier gerade passender.

Obwohl es auf den ersten Blick nichts mit Lesen und Schreiben zutun hat, beeinflusst Migräne doch schon mein ganzes Leben lang mein Lese- und Schreibverhalten.
Was ist Migräne eigentlich? Die meisten denken, wenn jemand sagt „Ich habe Migräne“ an etwas total Harmloses, nämlich „Jaa, die hat halt ein bisschen Kopfschmerzen“ aber Pustekuchen.
Jeder, der echte Migräne hat, würde eine Woche Kopfschmerzen in Kauf nehmen, anstatt auch nur einen Tag Migräne.

Meinen ersten Anfall hatte ich in der 5. Klasse also mit 11. Sehr früh für diese klassische Migräne und sehr heftig. Die meisten Menschen haben bei Migräne tatsächlich „nur“ sehr starke, einseitige Kopfschmerzen, verbunden mit Lichtempfindlichkeit.

Ich, die natürlich schon immer zu Extremen geneigt hat, habe natürlich gleich das volle Programm.

Der Anfall

Vier_phasen

Ja, ein Anfall mag sich erst einmal übertrieben anhören, ist es aber in meinem Fall nicht. Das Prodromi habe ich früher tatsächlich nicht so bewusst wahrgenommen, heute schon eher. 1-2 Tage vor einem Anfall bin ich reizbar, genervt, habe schlechte Laune, keinen Appetit, usw. Dass es auf einen Anfall hindeutet, weiß ich selber auch heute noch oft erst hinterher, einfach weil ich diese Symptome nicht unbedingt immer einordnen kann. Und dann kam die Aura.
Das Absolut schlimmste an der ganzen Migräne fand ich früher immer. Man nennt dieses Phänomen, dass auch ohne Kopfschmerzen hinterher auftreten kann auch „Alice- im Wunderland- Syndrom“. Hört sich toll an, war aber für mich die Hölle auf Erden. Bemerkt habe ich die Aura immer daran, dass auf einmal in einem Wort ein Buchstabe gefehlt hat. Und zwar wirklich gefehlt, ich habe gelesen und auf einmal waren Löcher in den Worten. Am Anfang der Aura sah ein normaler Satz für mich also nicht mehr normal, sondern so aus:

I c glau e ich b kom e Mig äne. 

Ziemlich creepy, oder? Die Aura wurde dann immer stärker und irgendwann hat sich über mein ganzes Sichtfeld ein flimmernder Streifen aus Licht bewegt, der mein halbes Sichtfeld verschluckt hat und auch nicht wegging, wenn ich die Augen geschlossen habe. Ihr könnt euch vorstellen, was für eine Panik ich hatte, als ich das zum ersten Mal hatte und noch keine Ahnung hatte, was es ist. Ich dachte ich muss sterben. Nach 20-30 Minuten ist eine Aura gewöhnlich vorbei. Ich hatte allerdings Anfälle, da kam und ging die Aura 3 oder 4x über mehr als eine Stunde hinweg. (Wie gesagt, ich neige zu Extremen). In der Schule hätte ich immer heulen können vor Verzweiflung. Obwohl dieser Teil noch keine körperlichen Folgen hat, fand ich es immer furchtbar.

Dann kommen die Kopfschmerzen. Und zwar unerbittlich und grausam. Teilweise konnte ich nicht einmal mehr aufstehen, musste eine Augenmaske tragen, weil ich kein Licht ertragen habe, Gerüche, wie ein gekochter Kaffee in der Küche ein Stockwerk unter mir haben eine unerträgliche Übelkeit erzeugt. Zu schlimmsten Zeiten habe ich mich während einem Anfall 5-6x innerhalb von 1-2 Stunden übergeben.
Wie gesagt, Hölle auf Erden beschreibt einen richtigen Migräneanfall ziemlich gut. Dazu kommen so Späßchen, wie Lähmungserscheinungen und dieses Gefühl, war Finger und Hände noch bewegen zu können, aber irgendwie trotzdem keine Kontrolle zu haben.

An solchen Tagen war an Lesen oder Schreiben nicht zu denken. Auch 1-2 Tage nach dem Anfall hatte ich noch Kopfschmerzen und Lesen oder Schreiben haben Übelkeit in mir erzeugt.

Behandlung

Migräne behandeln ist schwer, da man meist keine Ursache ausmachen kann. Selten ist sie auf einen eigentlich harmlosen Herzfehler zurückzuführen, eine Zyste oder einen Tumor, aber meistens ist sie eben einfach da. Mangelernährung oder das Fehlen von bestimmten Mineralstoffen, Stress, Schlafmangel, das alles kann zu so einer anfallsartigen, heftigen Migräne führen. Bei mir hat man lange keine Ursache gefunden. Also gab es Schmerzmittel. Als ich die dann endlich vom Arzt bekommen habe, wurde ich zumindest vom Übergeben und von den Lähmungserscheinungen befreit, Kopfschmerzen, Übelkeit und Aura blieben. Zumindest vorerst. Zu schlimmsten Zeiten habe ich Medikamente bekommen, die Krebspatienten gegen Tumorschmerzen und Chemobeschwerden bekommen und selbst die haben kaum geholfen. So viel zu „Migräne sind halt starke Kopfschmerzen“.

Irgendwann wurde bei mir ein Blutbild gemacht, aus einem ganz anderen Grund und dabei wurde festgestellt, dass ich einen ganz furchtbar schlechten Magnesiumhaushalt habe. Seitdem nehme ich täglich Magnesium, was eigentlich für Leistungssportler gedacht ist und die Anfälle haben aufgehört. Ob das nun Zufall war, oder nicht, keine Ahnung, aber ich lasse es nicht drauf ankommen und setze das Magnesium ab.

Heute

Auch heute habe ich noch Migräne. Keine Aura mehr, Gott sei Dank, aber die einseitigen Kopfschmerzen, Geruchsempfindlichkeit, Übelkeit oder diese seltsamen Motorikstörungen in den Händen habe ich hin und wieder immer noch.
Ich merke auch das Prodromi meistens 24 Stunden vorher und nach wie vor ist alles, was Bildschirm, oder Lesestoff ist in dieser Zeit mein erklärter Feind.
Ich hoffe, dass das so bleibt, vielleicht habe ich Glück und die Migräne verschwindet irgendwann ganz, ich hoffe nur, dass ich die Aura wirklich endgültig los bin und sich die Migräneschmerzen auf ein paar Mal im Jahr, wenn das Wetter stark umschwingt, oder ich viel Stress habe, belaufen.
Mein letzter richtiger Anfall ist jetzt fast 4 Jahre her. Drückt mir die Daumen, dass es noch mehr Jahre werden, denn Migräne ist Krieg im Kopf, bei dem alle Synapsen wahllos aus allen Rohren feuern und man keine Chance hat, dem irgendwie Herr zu werden!

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2 Kommentare zu „Migräne oder der Krieg im Kopf

  1. Ich hoffe, dass du die Aura wirklich los bist und nicht mehr davon heimgesucht wirst! So etwas wünsche ich niemanden und finde es toll, dass du darüber geschrieben hast =)

    Ich hatte zum Glück nur ein zwei mal wirklich richtige Migtäneanfälle, ansonsten habe ich nur ständige, anhaltende Hintergrundkiofschmerzen. Auch sehr nervig, aber viel besser als Migräne oder Aura!

    Fühl dich gedrückt und ich drücke die Daumen, dass du das alles los bist!

    Liebste Grüße,
    Vivka

    Liken

  2. Pingback: Mos Zeilenherz

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